Betrieb und Kontrolle
Die Zahlen, die kein Verein druckt: Warum kein Gesetz die Sperre verlangt
Werder sperrt die Nummer 88 auf dem Trikot, und kein Gesetz verlangt das. Die Sperrliste ist deshalb ein Dokument des Vereins.
Read this article in EnglishDie Bestellung kommt an einem Dienstagabend. Auf dem Rücken soll nur eine Zahl stehen: 88. Felix führt den Onlineshop eines Vereins und fragt sich, was er da vor sich hat. Einen Code aus der rechtsextremen Szene? Oder das Jahr, in dem der Besteller Mitglied wurde?
Felix ist ausgedacht, seine Frage nicht, und Werder Bremen hat sie beantwortet: Der Klub bietet die 18 und die 88 nicht als Wunschflock an. Wer im Strafgesetzbuch nachschlägt, findet für diese Sperre keine Vorschrift. Beide Sätze stimmen gleichzeitig.
Die Lücke dazwischen zahlt der Shop. Wer nicht selbst sperrt, hat die 88 im Bestellfeld. Wer zu breit sperrt, lehnt echte Nachnamen ab.
Wie die Deichstube berichtet, hat Werders Medienchef Christoph Pieper die Sperre öffentlich bestätigt: "Die Nummer 18 wird bei uns genau wie die 88 nicht als individuelle Trikot-Beflockung ermöglicht, weil die Zahlen klare Codes aus dem rechtsextremen Bereich sind." Den Anlass nennt er gleich mit: "Seitdem es das Angebot der individuellen Beflockung gibt, wurde sie immer häufiger dafür genutzt, um politische Botschaften zu übermitteln."
Ein Kaderspieler trägt die 18 trotzdem offiziell: Cameron Puertas, Geburtstag am 18. August. Sein Spielertrikot bleibt bestellbar, gesperrt ist nur die freie Eingabe. Zwischen diesen beiden Trikots liegt kein Gesetz. Dort liegt eine Entscheidung.
Damit gehört die Sperrliste in dieselbe Kategorie wie eine Preisliste: ein Dokument mit einer Fassung, einem Grund und einem Namen daran. Genau so ein Dokument muss Felix jetzt schreiben. Er beginnt mit der Frage, die jeder Fanshop zuerst stellt: Steht die 88 im Gesetz?
Das Strafrecht nennt die 88 nicht
Vorweg eine Grenze: Was folgt, gibt Quellen wieder und ist keine Rechtsberatung. Wer eine Sperrliste aufstellt, lässt das anwaltlich begleiten.
§86a StGB verbietet das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger und terroristischer Organisationen. Der Infobrief WD 7-3010-105/21 vom 10. November 2021 der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestags ordnet ihn dem Staatsschutzstrafrecht zu. Er schützt laut Seite 6 den politischen Frieden und die freiheitliche demokratische Grundordnung.
Ein allgemeines Verbot anstößiger Zeichen ist der Paragraf nicht. Bundesverfassungsgericht und Bundesgerichtshof verlangen die Ähnlichkeit mit einem existierenden Kennzeichen. Fremdsprachige Fassungen von Originalparolen sind deshalb nicht erfasst, etwa "Blood and Honour". Auf Seite 17 folgt der Satz, den Felix sucht:
"Gleiches gilt auch für in der rechtsextremen Szene gebräuchliche Zahlenkürzel, mittels welcher bestimmte Worte ersetzt werden sollen – etwa '18' für Adolf Hitler (1. und 8. Buchstabe des Alphabets), '88' für 'Heil Hitler' (selbes Prinzip) …"
Gleiches gilt heißt hier: Auch die Zahlenkürzel sind nicht erfasst. Der Infobrief stützt das auf Fachliteratur, nicht auf ein Urteil. Ein Urteil zu diesen Zahlen auf einem Trikot war in dieser Recherche nicht auffindbar, für 1933 und 44 gar keine Einordnung.
Wer die eigene Sperrliste juristisch begründen will, hat also kein Urteil, sondern eine Wertung. Felix schaut deshalb nach, wie andere Vereine werten.
Fünf Vereine schreiben fünf verschiedene Regeln
Vier deutsche Shops haben eine eigene Klausel formuliert, und keine zwei lesen sich gleich. Eine Vorlage gibt es nicht. Mit Werder sind es fünf Formulierungen und fünf Grenzen:
| Verein | Was die eigene Regel sagt | Quelle |
|---|---|---|
| Hamburger SV | "eine besondere Prüfung" vorbehalten, rassistische und politische Texte abgelehnt | AGB 5.2 |
| 1. FSV Mainz 05 | Nichts gegen die Werte des Vereins: rechtsextrem, rassistisch, antisemitisch | Servicecenter |
| FC St. Pauli | "Wir prüfen alle Einreichungen", politisch Bedenkliches abgelehnt | AGB 8.2 |
| Hansa Rostock | "bestimmte Inhalte nicht zu drucken": Zahlencodes, Namen früherer Spieler | Häufige Fragen |
| Werder Bremen | 18 und 88 gesperrt, als rechtsextreme Codes | Aussage des Medienchefs, siehe oben |
Keine dieser Klauseln nennt §86a StGB als Grundlage. Jede benutzt eigene Kategoriewörter und beschreibt einen Menschen, der ansieht und entscheidet, so wie Felix gerade.
Aufgeschrieben hat es kaum jemand. Die Bestandsaufnahme über 66 Fanshops findet eine solche Regel bei 8 von 66. Und was ändert sich, wenn der Shop in der Schweiz steht?
Schweizer Recht nimmt dem Verein noch weniger ab
Einen §86a gibt es in der Schweiz nicht. Die Norm heißt dort Art. 261bis StGB. Laut dem Rechtsratgeber rassistische Diskriminierung des Bundes trifft sie den öffentlichen Aufruf zu Hass und das Verbreiten herabsetzender Ideologien. Es zählt das Verbreiten einer Ideologie, nicht das Zeichen.
Für den Hitlergruß hat das Bundesgericht die Grenze gezogen. Strafbar ist er in der Öffentlichkeit erst, wenn "dadurch Dritte für die damit gekennzeichnete rassendiskriminierende Ideologie werbend beeinflusst werden sollen". So steht es in BGE 140 IV 102, Erwägung 2.2.5, in der Fallrechtssammlung der Universität Bern. Der Entscheid betrifft eine Geste, keinen Trikotdruck.
Auch der neue Anlauf schließt die Lücke ausdrücklich nicht. Am 19. Juni 2026 hat der Bundesrat die Botschaft zum Verbot nationalsozialistischer Symbole verabschiedet. Vorgesehen ist eine Buße von 200 Franken. Zu den Zahlencodes schreibt das SECO: "Einschlägige Zahlencodes will der Bundesrat jedoch aufgrund der kritischen Rückmeldungen vom Verbot ausnehmen". Am selben Tag nennt SRF die 88 als Beispiel.
Die Vorlage liegt beim Parlament und ist nicht in Kraft. Für einen Schweizer Fanshop ist die 88 im freien Namensfeld damit eine Hausregel oder nichts.
Ein Verband hat zentral entschieden, und auch das nimmt dem Shop nichts ab. Seit dem 27. Juni 2023 dürfen Spieler in Italien die Rückennummer 88 nicht mehr tragen, wie football-italia.net meldet. Die Regel gilt für die Spielernummer, nicht für das freie Namensfeld.
Gesetz und Verband helfen Felix also nicht. Die Bestellung vom Dienstagabend liegt noch da, und die Frage bleibt: Was muss die eigene Liste können?
Rückhalten ist die dritte Möglichkeit
Felix hat am freien Namensfeld zwei Schalter: Der Name geht durch, oder der Shop lehnt ihn ab. Für den klaren Fall reicht das.
Nur ist der Fall, der ankommt, selten klar. Er ist ein Nachname, der zufällig der eines ehemaligen Spielers ist. Er ist die 1933, zu der oben keine Einordnung stand. Er ist die 88 auf Felix' Tisch, die ein Fan vielleicht als sein Eintrittsjahr meint. Zwei Schalter zwingen dazu, jeden dieser Fälle in der Sekunde der Bestellung endgültig zu entscheiden.
Beide Fehlerrichtungen kosten, nur nicht dasselbe. Ein zu Unrecht abgelehnter Nachname kostet einen Verkauf und einen verärgerten Fan. Ein durchgelassener Code kostet eine Pressewoche.
kit.ink hält einen unklaren Namen oder eine unklare Nummer für eine menschliche Entscheidung zurück, statt sie pauschal abzulehnen. Solange sie liegt, kann kein Produktionssystem sie lesen. Wer prüft, sieht den Wert, die Schwere, den Kanal und das Alter des Falls. Er sieht auch, welche Regel angeschlagen hat und ob ein Kollege den Fall schon offen hat.
Der Einzelfall gehört dem Verein: Er legt fest, wer prüft und wie schnell, und kann für schwere Fälle eine zweite Freigabe verlangen. Die Regelliste selbst kuratiert kit.ink. Bleibt ein Fall liegen, benennt kit.ink vier Wartestufen und meldet dem Team einen Hinweis und danach eine Eskalation, außerhalb der Ruhezeiten des Vereins. Von allein gibt kit.ink nichts frei.
Für einen Shop, der nur Kadernamen anbietet, ändert das nichts. Die Entscheidung ist damit getroffen. Begründet ist sie noch nicht.
Der Grund gehört an die Entscheidung
Im März schreibt ein Fan und will wissen, warum sein Nachname im Oktober abgelehnt wurde. Felix findet den Vorgang im Postfach der Bestellabteilung. Die Bestellung steht darin, der Grund nicht.
Wer damals entschieden hat, arbeitet inzwischen woanders.
Diesen Menschen beschreiben die fünf Klauseln oben: einen, der ansieht und entscheidet. Was von seiner Entscheidung bleibt, beschreibt keine von ihnen.
Wer bei kit.ink entscheidet, wählt dazu einen Grund aus einer festen Liste, für die Freigabe genauso wie für die Ablehnung. kit.ink führt je Personalisierung eine Zeitleiste: jeden Schritt, jeden abgewiesenen Versuch und jedes System, das gelesen hat oder abgewiesen wurde. Sie zeigt auch, wer gehandelt hat. Sie hält den Verlauf des Falls fest, nie den Namen, der auf dem Trikot stand.
Die Frage aus dem März wird damit zur Abfrage und nicht zur Rekonstruktion. Das ist Datenhygiene und keine Aussage über Datenschutzrecht. Wer im Jahr zwei Ablehnungen hat, kommt auch mit einem Notizzettel aus. Ab der ersten Rückfrage, die niemand mehr beantworten kann, nicht mehr.
Die einzelne Entscheidung steht damit sauber. Die Liste, aus der sie folgt, noch nicht.
Neue Wörter laufen erst zur Probe
Nach einer Pressewoche trägt Felix am Montagmorgen neue Wörter in die Liste ein. Das ist die richtige Reaktion. Nur trifft die neue Regel nicht bloß den Code. Sie trifft auch drei Nachnamen, in denen dieselbe Buchstabenfolge steckt.
Diese drei Fans schreiben keine Mail. Sie brechen ab.
Eine Prüfregel geht bei kit.ink nicht auf Verdacht scharf. Sie läuft erst still mit und zeigt, was sie treffen würde. Liegt das gemessene Ergebnis vor, schaltet ein Mensch bei kit.ink die Regel scharf. Keine Menge tut das von allein.
Vor der Freigabe eines Wortes spielt kit.ink es gegen frühere Entscheidungen und zeigt, welche Rückhaltungen es aufgehoben hätte. Der Rückblick umfasst einen gewählten Zeitraum, voreingestellt 30 Tage und höchstens ein Jahr.
Die Prüfung liest Text: Namen, Nummern, freie Eingaben und deren Kombinationen. Hochgeladene Bilder, Wappen und Sponsorenmotive liest sie nicht, und wie ein zulässiger Wert in der gewählten Schrift aussieht, ebenfalls nicht. Wo Textprüfung endet, zeigt der Artikel über die Grenzen der Textprüfung.
Eine Stelle bleibt, an der eine Sperrliste zerbricht: der Weg vom Freigeben zum Drucken.
Die Produktion liest erst nach der Entscheidung
Felix' Liste liegt im Mailverlauf. Der Shop hat eine Fassung, der Tresen eine zweite, der Druckpartner die dritte vom letzten Sommer. Gedruckt wird nach der dritten.
Eine Fassung, die nur in einem Postfach gilt, gilt nicht.
Bei kit.ink darf die Produktion eine Personalisierung erst lesen, wenn ihr Stand es erlaubt. Jeden Versuch hält kit.ink fest, den erlaubten wie den abgewiesenen. Nicht eine Anweisung an die Produktion entscheidet darüber, sondern der Stand des Trikots selbst.
Hinter diesem Punkt steht der festgeschriebene Stand dieses einen Trikots. Was ein Produktionssystem daraus macht, bleibt dessen Sache. Wie aus Sperren Entscheidungen werden, zeigt Prüfen statt blockieren. Bleibt der Blick zurück nach Bremen und auf Felix' Tisch.
Eine Fassung, ein Grund, ein Name, eine Spur
Bei Werder hängt die 18 an zwei Stellen. Auf dem Trikot von Cameron Puertas ist sie bestellbar, im freien Namensfeld nicht. Das ist kein Widerspruch, sondern eine Entscheidung, und jemand hat sie getroffen.
Felix muss seine eigene treffen, für die 88 vom Dienstagabend und für jede Bestellung danach. In Deutschland wie in der Schweiz ist die Sperrliste für den Wunschflock keine Umsetzung von Strafrecht. Sie ist eine Entscheidung des Vereins und braucht deren Disziplin: eine Fassung, einen Grund, einen Namen, eine Spur.
Die Zahlen, die kein Verein druckt, stehen in keinem Gesetzbuch. Sie stehen auf einer Liste, die der Verein selbst schreibt. Felix hat gerade mit seiner angefangen.
Du willst deinen Umgang mit gesperrten Namen und Zahlen von außen betrachten lassen? Ein kurzes, unverbindliches Gespräch über den eigenen Ablauf ist der Anfang.
Die Klauseln von HSV, Mainz 05 und St. Pauli haben wir am 5. August 2026 abgerufen, die Fallrechtssammlung der Universität Bern am 22. September 2026, alle übrigen Seiten am 6. August 2026.